Zum Reinschnuppern

zu meinem Buch -abgefahren-

Nach einem Schlaganfall steht Ella, 57, vor den Trümmern ihres bisherigen Lebens: Psychisch und körperlich angeschlagen kann sie nicht zurück vor eine Klasse und ihren Beruf ausüben. Doch fürs Altenteil fühlt sie sich noch zu jung! Mühsam erkennt sie, dass fleißig und brav sein nicht unbedingt Bestandteile eines glücklichen Lebens sind. Aber wie geht es weiter? Kann sie wider alle Erwartungen in ihr altes Leben zurückfinden und darin glücklich sein? Oder wartet eine ganz andere, größere Version auf sie?
Auf ihrem Weg der Fragen findet sie Antworten, die gelebt werden müssen: Ihre 8 Säulen eines gesunden, selbstbestimmten Lebens. Darüber hinaus aber auch Fragen und Antworten, die erfahren werden wollen: Selbstbestimmt ihre eigenen Ziele finden, sich gegen Anpassung und Konvention durchsetzen und der Freude folgen. Kann sie in eine neue abenteuerliche Zukunft aufbrechen und selbstverantwortlich ihrem Weg folgen?
Die Autorin erzählt romanhaft verdichtet, ihre Suche und ihren Aufbruch, nachdem ihre alte Welt zusammengebrochen war.

der Beginn:

  1. Das Risiko ist mir zu groß.

Mit einem Seufzer gehe ich zur Tür des Lehrerzimmers. Wer von den Rabauken ist es jetzt? Frau Stolte mit Abdul und Hussein aus meiner Klasse stehen davor.
Ich schaue die beiden Jungs an: „Ihr schon wieder …“ Es vergeht kaum ein Tag, wo sich diese Bengel nicht unbelehrbar streiten. Dabei ist es so unnötig!
„Sie haben sich wieder geprügelt,“ informiert mich meine Kollegin.
„Danke, Frau Stolte, ich regle das.“
So entlasse ich sie zurück in ihre Pausenaufsicht. Ich schaue zwischen den Jungs hin und her. Abdul weicht meinem Blick aus, Hussein gibt Kontra: „Er hat mich beleidigt.“
Innerlich stöhne ich auf, diese Mimosen-Paschas! Schon ein schräger Augenaufschlag ist eine Beleidigung und wird mit Prügel bestraft. All das bringen sie von zu Hause mit, es ist ihre Kultur, und als Lehrerin habe ich keine Ahnung, wie ich sie in deutsche Fairness und mögliche Gelassenheit führen kann. Meine Worte und Ideen prallen an den fremden Vorstellungen ab.
„Abdul?“, ich fordere eine Erklärung.
„Er hat schlimme Wörter über meine Mutter gesagt.“
Mich nervt dieses Dauerthema im Klassenrat.
„Und, was haben wir dazu besprochen?“ Es platzt scharf aus mir heraus.
Nach kurzer Pause erklärt Abdul: „Ich soll überlegen, ob das wirklich stimmt.“
„Und …“, bohre ich tiefer.
„Nein, meine Mutter ist sowas nicht!“
„Gut“, ermuntere ich ihn. „Und weiter?“
„Ich soll mich ruhig umdrehen und ihn stehen lassen.“ „Stimmt. Und was hast du gemacht?“
„Ich hab mich umgedreht …“
„Und?“
„Er hat Blödmann zu mir gesagt“, wirft Hussein ein.
Das ist neu, so ein Schimpfwort hab ich hier noch nie gehört, und ich unterdrücke mein inneres Grinsen. Ansonsten werden auf dem Gelände deftigere Ausdrücke verwendet.
„Und Hussein, war das blöd von dir?“
Er schaut mich mit großen Augen an … ich glaub es nicht …
„Ja, ich darf seine Mutter nicht beleidigen.“
„Wow, super!“ Jetzt bin ich wirklich perplex: So viel Einsicht!
„Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder ihr vertragt euch jetzt sofort …“
Ich schaue die beiden einzeln an, doch sie drehen ihre Köpfe weg.
„Ok, oder ihr verbringt den Rest der Pause hier drinnen, natürlich getrennt. Du,“ dabei schaue ich Abdul an, „gehst ins Sekretariat zu Frau Paulsen und du,“ mit Blick auf Hussein, „setzt dich zu Frau Kröger in die Innenaufsicht.“

Hussein sieht mich erschrocken an, doch er erkennt sofort, dass ich es ernst meine. Die konsequente Frau Kröger ist nicht sonderlich beliebt bei den Schülern. Die Ansage zeigt Wirkung, Hussein streckt Abdul die Hand entgegen. Abdul ergreift sie und beide murmeln „Tschuldigung!“
„Ok, geht, ohne zu rennen, zurück in die Pause, bis gleich.“
Sie laufen einträchtig und betont langsam zur großen Eingangstür.

Ich schaue auf die Uhr. Noch 5 Minuten bis zum nächsten Unterrichtsbeginn, Zeit für ein Käffchen … doch dann erinnere ich mich an Dennis: Er hatte heute Morgen, im Sportunterricht deutlich sichtbar, massive blaue Flecken an den Unterschenkeln. Darüber muss ich Frau Zobel von der Sozialstation informieren.
„Also keine Pause!“

Ich gehe in den Computerraum, um ungestört zu telefonieren. Die Nummer der Station kenne ich auswendig, denn hier gibt es viele Familien, die Hilfe bei der Erziehung benötigen.
„Zobel“
„Moin Frau Zobel, Mutzek hier. Ich rufe mal wieder wegen Dennis Jäger an. Er zeigte heute Morgen im Sportunterricht große blaue Flecken an seinen Unterschenkeln. Dazu befragt, erzählte er mir, dass seine Mutter ihn mit der Hundeleine geschlagen hätte. Mit der Seite mit dem Karabinerhaken dran.“
„Oh Gott, schon wieder. Erst der Balkon und nun das!“ Seine Mutter hatte ihn vor wenigen Wochen nachts dort ausgesperrt, bei einstelligen Temperaturen bis morgens gegen vier. Damals gab es viele Sitzungen mit diversen Fachleuten, doch die Familie verweigerte die Zusammenarbeit.
„Das ist dann der Präzedenzfall. Jetzt können wir eingreifen …“
„Wenn Dennis um Hilfe bittet“, unterbreche ich Frau Zobels Enthusiasmus. „Oder Ihnen seine Beine zeigt und die Geschehnisse erzählt.“
„Ja, meinen Sie, das tut er?“, erkundigt sie sich.
„Das weiß ich nicht.“ Da bin ich rat- und hilflos.
Viele Kinder werden zu Hause misshandelt, aber nach außen halten sie weiterhin zu ihren Eltern. Sie schweigen, schämen sich und bitten nicht um Hilfe. So gibt es keine Handlungsmöglichkeit für offizielle Stellen.

„Kann ich mir das mal ansehen?“, unterbricht Frau Zobel meinen Gedankengang.
„Ja, wir schreiben jetzt Mathe, da ist es schwierig. Aber später in HSU, Dennis hat Kartendienst. Dann wären wir im Materialraum ungestört. Sie müssten aber pünktlich kurz nach zwölf hier sein.“
„Gut, das hab ich mir notiert. Hoffentlich gibt Dennis uns die Erlaubnis, dass wir endlich aktiv werden können.“
„Ja.“ Ich zweifle. „Bis nachher.“
Solange keiner um Hilfe bittet, dürfen offizielle Stellen erst eingreifen, wenn akute Gefahr droht. Doch wann ist das? Und da Dennis die Geschichte nur mir erzählt hat, kann er sie jeder Zeit widerrufen. Wir haben also keine wirkliche Handhabe.
Ich sehe seinen traurigen Blick vor mir und meine Augen werden feucht. So ein tapferer kleiner Kerl! Manchmal kann ich diese Hilf- und Tatenlosigkeit nur schwer ertragen.

Da ertönt der Schulgong. Ich seufze: „Hoffentlich ist noch Kaffee da.“
Ich habe Glück und gehe mit Tasche und Becher in die Klasse. Während die Schüler den Test bearbeiten, entspanne ich mich ein bisschen. Ein normaler Morgen, mitten in der Woche, doch ich spüre meine Erschöpfung.
Diese dauernde Angst, etwas falsch zu machen oder Wichtiges zu übersehen, hält mich fast ununterbrochen in Alarmbereitschaft. Manchmal bin ich so müde der ganzen Probleme, Aufgaben und Geschehnisse weit über die Wissensvermittlung hinaus. Doch ich habe noch einige Jahre Schuldienst vor mir. Und eigentlich liebe ich auch meine Kiddies. Ich freue mich immer, wenn ich sehe, was für feine, gerade Menschen sie sind trotz all der Probleme, in denen sie leben.

Nach dieser Stunde habe ich Dienst auf der Insel: Auffangstation für Schüler, die im normalen Klassenverband nicht beschulbar sind und für momentane Notsituationen. Eine Idee von mir, denn in diesem Problemstadtteil gibt es immer wieder Schlägereien und Krisen in den Klassen.
Jan Wölfel, mein Rektor, und ich haben das gemeinsam initiiert. Er hat die Gelder und Stunden besorgt, ich das pädagogische Konzept erstellt. Diese Einrichtung ist einzigartig hier in Lübeck und die LehrerInnen an dieser Schule sind erleichtert über die Entlastungsmöglichkeit.
Auch die beiden weiteren Schulen im Einzugsbereich profitieren davon. So hat unsere Insel im Moment fünf feste Bewohner und häufig Tagesgäste. Wir bemühen uns um Neutralität, denn sie ist eine Mischung aus Malle wie Erholung, Alcatraz wie Bestrafung und Lernort mit individueller Unterstützung.
Ich mag meine Bewohner und empfinde diese Einrichtung als eine Bereicherung im ansonsten sehr engen Schulsystem, auf die ich stolz bin.
„Achtung, Pierre ist wieder schräge drauf,“ leise empfängt mich Jan an der Tür. Oh nein, nicht das auch noch! Pierre ist ein großer Viertklässler und bullig im Körperbau. Wenn er ausrastet, habe ich regelmäßig auch Angst um meine körperliche Unversehrtheit, denn er schmeißt in seiner Wut sogar mit Stühlen und Tischen nach seinen Mitschülern oder mir.
„Schade, dass es Pünktchen nicht mehr gibt. Die war in solchen Situationen die beste Therapeutin!“
Mein Hund trug häufig zur Deeskalation bei. Nun ist sie seit einem halben Jahr tot und ich vermisse sie, hier und zu Hause.
Jan schließt hinter mir leise die Tür.

„Na, Jungs …“, empfange ich sie, dann nehme ich mir einen Stuhl und setze mich. Dazu zeichne ich mit dem Finger einen Kreis in die Luft. Pierre erhebt sich stöhnend und setzt sich mir gegenüber hin.
„Gestern war ich wieder sehr erschöpft und müde“, eröffne ich die Mitteilungsrunde im Sitzkreis mit dem Zauberstab.
„Das sind Sie doch immer!“, wirft Pierre ein.
„Stimmt. Ich finde die Schule anstrengend. Wie ist das mit dir?“ Ich reiche den Erzählstab an Justin weiter, der neben mir sitzt.
„Meist mag ich die Schule“, tönt er. „Ist doch viel besser als zu Hause. Da bin ich oft allein.“
„Und was hast du gestern gemacht?“ Pierre wirft es gelangweilt in die Runde.
„Gestern hat Mutti gekocht!“
„Und was gab es?“
Jetzt sind wir alle aufmerksam, denn meist bekommt Justin nur Geld für McDoof.
„Pizza!“ Er ist sichtlich stolz, doch Pierre muss es zerstören: „Pah, tiefgekühlt! Das ist doch kein Kochen!“ Justin senkt traurig den Blick.
Ich schaue Pierre tadelnd an, der jetzt den Redestab hält. „Was denn?! Stimmt doch!“ Er kann es nicht ertragen und verteidigt sich.
„Justin war so stolz“, werfe ich ein. „Freu dich doch mit ihm.“

„Immer muss ich mich freuen. Ich will den Scheiß nicht mehr!“ Er knurrt es wütend und ich spüre, dass da viel mehr dahinter ist.
„Was war gestern?“ Ich möchte ihn ermuntern, darüber zu reden. Seine Wut ist deutlich spürbar, aber vor allem sehe ich tiefe Trauer und Schmerz. Ach Pünktchen …

Ein fast Zwölfjähriger darf nicht mehr in den Arm, das verbietet ihm sein Stolz, aber eigentlich würde er es jetzt gern tun … und das hat mein Hund immer gespürt. Einen Hund kraulen, darf auch ein großer Junge. Ich schaue Pierre voller Mitgefühl an, doch das ist zu nahe. Er knallt den Redestab auf den Boden.
„Verdammte Scheiße! Du blöde Fotze!“ Er brüllt mich an im Aufstehen, rast auf die Tür zu, verlässt den Raum und knallt die Klassentür mit voller Wucht zu, Scheiben und Wände klirren und wackeln. Ich schau in die Runde, alle sehen mich ratlos an.
„Ok, ich muss hinterher. Ihr dürft spielen oder euch an die Aufgaben machen“, damit verlasse ich den Raum.

Pierre steht auf dem Flur.
„Was war denn gestern los? Vielleicht kann ich helfen?“ Ich versuche, mit ihm in Kontakt zu kommen.
„Niemand kann mir helfen“, nuschelt er nach einer langen Weile.
„Willst du in den Werkraum?“. Dort könnte er seine Wut an Holz- oder Nagelarbeiten ausagieren, doch es kommt keine Antwort.
„Schade, dass Pünktchen nicht da ist.“ Das rutscht mir so raus. Ich sehe ihn erschrocken an, seine Augen werden dunkel und weit, voller Treffer und versenkt.
„Scheiße, Scheiße, Scheiße!“, denke ich.

Pierre saust auf die Toilette. Ich zögere kurz: „Was mach ich jetzt?“ Schnell überschlage ich die Möglichkeiten, Rektor … hat Unterricht … schmoren lassen … weiß nicht … abholen … ja, soll die Mutter sehen, was da wieder am Nachmittag war. Aber eigentlich weiß ich genau, dass es nichts bringt. Sie wird nur mir die Schuld geben, denn „zu Hause macht er das nie“. Klar, nur kommt er häufig so wütend in die Schule … ach, nutzt alles nichts. Ich gehe in den Inselraum.
„Phillip, könntest du für mich ins Büro zu Frau Paulsen gehen und sie bitten, bei Pierres Mutter anzurufen. Sie soll kommen und ihn abholen.“
Phillip düst los und ich gehe zur Jungentoilette.

Dort klopfe ich an: „Darf ich reinkommen?“
„Nein!!!!“ Er brüllt und schreit es mir entgegen.
„Pierre, ich vermisse Pünktchen auch ganz doll. Deshalb bin ich immer so müde, weil ich abends ganz oft weine.“ Schon werden meine Augen feucht. Ach Kerl, am liebsten würde ich ihn in den Arm nehmen. Dann könnten wir beide zusammen weinen. Ich bin so verzweifelt: Ich sehe so deutlich Trauer und Schmerz hinter seiner Wut. Aber ich finde keinen Zugang zu ihm.
„Lass mich doch reinkommen.“ Fast bettle ich.
Da höre ich ein lautes Krachen und Splittern.
Jetzt ist Gefahr im Verzug, da nutzt sein Nein nichts, ich stürme in die Toilette. Pierre hat den Spiegel über dem Waschbecken zertrümmert, mit der Faust. Blut rinnt am Arm herunter und tropft ins Becken. Schnell reiße ich ein paar Papierhandtücher aus dem Kasten und drücke sie auf die Wunde.
Pierre steht unter Schock, ist starr und verkrampft. Ich nehme seine linke Hand. „Hier, rauf drücken, ganz fest und in den Arztraum.“
Pierre stolpert neben mir her, nun ist er zahm und folgsam.
Ich habe weiche Knie und könnte nur heulen, ich bin so hilflos in all dem Leid!

Im Arztraum verbinde ich seine Hand und das Gelenk. Glücklicherweise ist die Hauptader nicht verletzt, trotzdem lege ich einen Druckverband.
„Hier, Arm hochhalten und mit der Hand auf das Päckchen drücken.“ Mit Gesten und Worten fordere ich ihn dazu auf.
Die Tür öffnet sich und Frau Paulsen, unsere Sekretärin, kommt rein.
„Seine Mutter ist gleich da. Hat wieder mächtig auf Sie geschimpft!“ Letzteres erklärt sie mir flüsternd. „Ja, wir bösen Lehrer.“ Mir bleibt nur Sarkasmus.
„Können Sie bitte hierbleiben, bis Frau Raute kommt. Ich muss auf die Insel.“
Sie setzt sich auf die Liege an Pierres Seite.

Ich bin unserem Kollegium so dankbar. Wenn wir nicht so zusammenhalten würden, wäre dieser Wahnsinn nicht zu ertragen! Ich weiß, dass ich mich 100% auf jeden hier verlassen kann. An dieser Schule gibt es kein Mobbing und Gezanke.
Ich atme tief durch und bin erleichtert, dass Pierre sich nicht schwerer verletzt hat. Dabei spüre ich ein leichtes Zittern im Körper.
Der Stress bahnt sich seinen Weg, so erkläre ich es mir.

An der hinteren Eingangstür begegne ich schon Frau Raute.
„Pierre ist im Arztzimmer.“
„Was haben Sie denn jetzt wieder mit ihm angestellt? Ich sollte sie anzeigen“, faucht sie mir entgegen.
„Ich weiß nicht, was gestern passiert ist. Aber Pierre kam schon völlig aufgelöst in die Schule, wie mir Herr Wölfel mitteilte“, ich halte mich nicht zurück und sehe, wie sie zusammenzuckt.
Also doch! Hoffentlich kann Pierre morgen darüber reden. Ich vermute, dass Frau Raute mal wieder einen neuen `festen Bekannten´, einen Lover, hat und ihr Sohn muss in die zweite Reihe weichen.
Ich gehe zur offenen Klassentür der Insel und bin erleichtert. Meine Knaben sitzen friedlich in der Spielecke: Phillip baut, während Justin und Kevin Autounfälle nachspielen. Und Mohamed, der Jüngste, sitzt im Hängestuhl und hält ein Kuscheltier im Arm. Unbewusst hatte ich Chaos erwartet.
Ich atme auf und beschließe, so die Stunde auslaufen zu lassen.

Als ich mich hinsetze, spüre ich wieder meine wackeligen Beine. Es rauscht in den Ohren und mein Blickfeld wird eng. Angst steigt auf, ich will jetzt nicht ohnmächtig werden! Mein Herz rast, kalter Schweiß bricht am Rücken und den Händen aus und mir wird schlagartig speiübel. Das ganze Zimmer schwankt vor meinen Augen. Das hatte ich in den letzten Wochen immer mal wieder. Eigentlich wollte ich schon längst zum Arzt, aber wann? Jetzt habe ich panische Angst.
Ein Blick auf die Kinder: Alle spielen friedlich. Ich könnte mich entspannen.
Am schlimmsten sind die Übelkeit und das heftig schwankende Sehfeld.

HSU-Konferenz oder Arzt? Eigenes Wohlbefinden oder Pflichterfüllung? Vielleicht schaffe ich ja doch beides?
Langsam kommen meine Lebensgeister wieder und ich verspüre einen Riesenhunger. Hab ich heute gefrühstückt? Ich kann mich nicht erinnern. Und genug getrunken? Mir fällt nur der ekelige Kaffee im Klassenraum ein und zum hunderttausendsten Mal beschließe ich, besser auf mich zu achten.
Ich kann die Angst loslassen, beobachte die Jungs und freue mich über den Frieden, der hier im Raum herrscht. Als es gongt, habe ich mich wieder erholt und verabschiede die Schüler. Zweite große Pause, ich schließe den Raum ab und gehe langsam ins Lehrerzimmer. Dort koche ich mir einen Kräutertee.
Beim Blick aus dem Fenster sehe ich trübe Wolken, ein verhangener Himmel: Nichts, was die Stimmung aufhellt. Gedanklich bin ich bei Pierre, der sich der Zuneigung seiner Mutter nie wirklich sicher sein kann, und Dennis, dessen Mutter ihre `Liebe´ mit Schlägen, Tritten und anderen Bestrafungen zeigt.
So unreife, unsensible Mütter!

Nach der Pause HSU, meine Lieblingsstunde, in meiner Klasse. Dennis hat schon die Karte aufgehängt.
Die Stunde verläuft friedlich, die Kiddies machen eifrig mit. Das ist auch ein Grund, warum ich keine Alternative für diesen Job finde. Es macht mir Spaß!
Kurz vor dem Ende der Stunde fordere ich Dennis auf, die Karte wieder einzurollen und zurückzubringen. Ich gehe mit, um den Raum aufzuschließen, und wir treffen die Sozialarbeiterin.

„Moin Frau Zobel.“
Wir begrüßen uns freundlich mit Handschlag und gehen in den Kartenraum. Hier sind wir ungestört.
„Dennis, du kennst Frau Zobel?“
Er nickt. Ich sehe, wie er sich verschließt: Den Blick nach unten gesenkt mit hängenden Schultern erinnert er mich an Schuldgefühle. Er gibt sich die Schuld!
„Dennis, wir wollen dir helfen!“ Es ist ein Versuch von mir.
Er nickt.
„Mutti darf dich nicht so behandeln. Das ist in Deutschland verboten“, probiere ich es weiter.
Er nickt wieder.
Wie oft hatten wir schon diese Situation?
„Magst du Frau Zobel mal deine Beine zeigen?“
Er schüttelt den Kopf.
Die Sozialarbeiterin und ich schauen uns an. Es ist zum Verzweifeln!
„Das respektieren wir, Dennis. Aber grad ist Frau Zobel da und könnte dir helfen …“, versuche ich erneut.
Nein, er steht vor uns, als hätte er etwas angestellt. Ich halte das nicht mehr aus. Es zerreißt mir das Herz und ich könnte meine Wut, Hilflosigkeit und Verzweiflung jetzt laut brüllend von mir geben. Aber ich bin die Lehrerin, meine Gefühle haben hier keinen Platz.
„Alles gut, Dennis! Du darfst wieder in die Klasse gehen“, beschwichtige ich. Dankbar dreht er sich um und verlässt schnellstens den Raum.
„Vielleicht sollte ich nächsten Donnerstag einfach mal zum Sportunterricht kommen. Was meinen Sie?“
„Das ist eine gute Idee.“ Ich bin froh, dass Frau Zobel nicht aufgibt.

Plötzlich packt mich eine große Übelkeit, vor mir schwankt der Raum, ich kann mich kaum noch auf den Beinen halten, daher lehne mich an die Wand. In meinen Ohren saust es, mir wird schlagartig heiß, der Schweiß bricht aus allen Poren und es ergreift mich eine wahnsinnige Angst. Das Umfeld um mich herum wird eng und ich schaue nur noch durch einen winzigen Tunnel.
Ich lehne an der Wand und atme um mein Leben. Dabei hoffe ich, dass das bald vorbei ist. Am liebsten würde ich mich jetzt hinsetzen, auf den Fußboden, denn ich habe Angst, in Ohnmacht zu fallen. Schließlich kann ich mich nicht mehr auf den Beinen halten und rutsche an der Wand runter.

Jemand beugt sich über mich, ich höre eine Stimme, aber ich verstehe nicht.
„Frau Mutzek, geht es Ihnen nicht gut?“
„Mir ist furchtbar übel.“
Meine Stimme klingt völlig fremd, tönt von weit weg. Da erkenne ich Frau Paulsen neben mir. Sie will mir aufhelfen. Ich bemühe mich, doch es dreht sich noch immer alles um mich. Gemeinsam mit Frau Zobel hilft sie mir auf. Jetzt stehe ich zwar wieder, aber sofort muss ich mich anlehnen. Meine Beine halten nicht. Laufen kann ich so auf keinen Fall. Die Welt schwankt wie auf einem Schiff bei Windstärke 12.
Frau Zobel verabschiedet sich, doch ich kann nicht antworten. Meine Welt ist aus den Fugen geraten, ich bin in einem Hurrikan.
„Wollen Sie sich einhaken?“
Das schaffe ich und so wanken wir gemeinsam ins Arztzimmer. Dort lege ich mich dankbar auf die Liege. Frau Paulsen deckt mich liebevoll zu und verschwindet dann. Sobald ich die Augen schließe, dreht sich in mir alles und mir wird übel. Hoffentlich hört das bald auf.

Nach einer Weile erscheint wieder Frau Paulsen.
„Sie können liegen bleiben, Frau Stolte übernimmt Ihre Klasse.“
Darüber bin dankbar, dann rutsche ich weg.

Jemand berührt mich an meiner Schulter.
„Geht’s wieder?“
Frau Paulsen, die gute Seele, steht an der Liege. Ich schaue mich um. Der Schwindel ist weg, ebenso die Übelkeit.
„Ja, ich stehe gleich auf.“
„Langsam! Und dann fahren Sie zum Arzt. Damit darf man nicht scherzen!“
Sie hat recht.
„Ich hole mir gleich einen Termin.“
Vorsichtig setze ich mich hin. Kein Schwindel, alles klar. Ich bin froh und dankbar, lege die Decke zusammen, verlasse den Raum und gehe zum Lehrerzimmer. Dort suche ich in der Tasche das Handy, wähle die Nummer meines Hausarztes und verabrede einen Termin für den frühen Nachmittag. Ich werde gleich nach Hause fahren, die HSU-Konferenz lass ich heute ausfallen.
„Muss Gabi einen Zettel hinlegen …“

Doch mich packt das schlechte Gewissen. Eigentlich geht es mir jetzt wieder besser und ich könnte an der Konferenz teilnehmen … Aber da kommt Jan ins Lehrerzimmer.
„Ella, was machst du noch hier?“, fragt er verblüfft.
„Wir haben nachher HSU-Konferenz.“
„Du nicht! Du fährst jetzt zum Arzt und lässt dich untersuchen.“ Resolut fordert er das. Dann etwas weicher, mitfühlend: „Frau Paulsen sagte mir, dass du völlig zusammengeklappt bist. Das Risiko ist mir zu groß.“
„Na ja …“
„Nix da. Nimm deine Sachen. Für dich ist heute Feierabend. Gute Besserung!“

Ich packe meine Tasche, schreibe einen Zettel für Gabi und verlasse die Schule.
Draußen schon auf dem Schulhof fühle ich mich erleichtert. Frei! Ich kann es gar nicht glauben. Wann habe ich das letzte Mal der Schule vor drei Uhr Adieu gesagt? Es fühlt sich an, als hätte ich einen Riesensack mit Steinen abgeworfen.

An die Heimfahrt erinnere ich mich nicht mehr. Scheinbar plötzlich parke ich in meinem Carport. Nur ins Bett, das ist mein einziger Wunsch. Eine bleierne Müdigkeit hat mich ergriffen. Ich stelle vorsichtshalber den Wecker, trinke ein Glas Wasser und dann verschwinde ich unter meiner Decke. In mir sind nur Müdigkeit und Leere, keine Spuren mehr von Elan, Freude und Enthusiasmus. Alle Energie ist weg, ich kann nicht mehr! Mit einem großen Seufzer lasse ich mich fallen.

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